Asperger Straße 39
Ida Hirschfeld wurde am 30.12.1893 in Ludwigsburg geboren. Lange Zeit lebte sie im elterlichen Haus in der Asperger Straße 39. Das Haus erbte sie von ihrer Mutter Frida Hirschfeld, die im Februar 1929 verstarb. Ihr Vater Gustav Hirschfeld, Viehhändler in Ludwigsburg, war bereits 1924 verstorben. Alle Anträge oder Bitten jüdischer Bürger, die der Gemeinderat bewilligen mußte, wurden konsequent abgelehnt. Ende August 1936 legte die SA gegen einen Antrag von Ida Hirschfeld, im Hintergebäude Aspergerstr. 39a zwei Fenster auszubrechen, Widerspruch ein. Das Protokoll des Technischen Ausschuß des Gemeinderats vermerkte dazu: „Die Ratsherren brachten abweichende Äußerungen nicht zum Ausdruck.“ Ab 1939 mußten jüdische Hausbesitzer jeden Mieterwechsel der städtischen Preisbehörde melden. Nur mit ihrer Zustimmung durften sie weitervermieten Im Haus Aspergerstr. 39 waren die Mitbewohner von Ida Hirschfeld nach und nach ausgezogen: Carla Friedmann Ende 1937 nach Kirchheim. Berta Dreyfuß zog Ende 1938 aus; ihr gelang im Mai 1940 noch die Emigration. Margarethe Kahn, die bis 1938 noch im Kaufhaus Stern als Verkäuferin arbeiten konnte und ihr Mann Salomon waren im Mai 1938 nach Kolumbien emigriert. Damit fielen die Mieteinnahmen weg. Im Einwohnerbuch wird Ida Hirschfeld 1934 und 1936 als „Rentnerin“ geführt, 1938 als „Privatiere“. Finanziell wurde es dadurch enger. So musste sie 1939 ihr Haus verkaufen. Ida Hirschfeld wohnte nach dem Verkauf noch für 100 RM Miete monatlich, bis sie nach 11 Monaten umzog. Im Mai 1940 zog sie in die Leonberger Straße 18, eine Wohnung wurde frei, da die Besitzerin des Hauses, Eugenie Ottenheimer ist mit ihrer Tochter nach Schanghai emigrierte. Leider wissen wir wenig vom privaten Leben der Ida Hirschfeld. In der Einwohnerkartei ist als Beruf „Modistin“ vermerkt. In diesem Beruf wurden Damen-, Herren- und Kinderhüte sowie Kappen oder Brautgestecke, auch nach Kundenwunsch, angefertigt und repariert. Ende November 1937 waren in der Ludwigsburger Synagoge 86 Bleiglasfenster eingeschlagen worden, als die Stadt wegen Bauarbeiten den Zaun entfernt hatte. Im Spätsommer 1938 wurden sämtliche Betriebe daraufhin untersucht, ob ihre Besitzer Juden oder Arier waren und die jüdischen Geschäfte in ein Register eingetragen. Am 30.9.1938 berichtet die Handwerkskammer, dass keine jüdischen Handwerker mehr in Ludwigsburg tätig seien. Am 1.10.38 erfolgte die zwangsweise Geschäftseinstellung aller Betriebe mit jüdischen Besitzern. Am 10.11.38 wurde die Ludwigsburger Synagoge zerstört und zahlreiche jüdische Männer verhaftet und in die KZs nach Welzheim und Dachau verbracht. Im gesamten Jahr 1938 wurden jüdische Betriebe „arisiert“, d.h. wechselten ihre Besitzer an Nicht-Juden. Nach der Reichspogromnacht setzte eine starke Auswanderungswelle ein. Die Bedingungen dazu waren inzwischen fast unerfüllbar geworden: Auswanderer durften nur maximal 10 Reichsmark in bar mit sich führen. Es wurde nur gestattet, zwischen 4 und 6% des Vermögens ins Ausland zu transferieren. Kleinere Vermögen reichten nicht aus, um eine Auswanderung zu finanzieren. Deshalb wanderten 1940 und 1941 nur noch wenige aus Ludwigsburg aus. Zur Familie von Ida Hirschfeld wissen wir nur von ihrer 2 Jahre älteren Schwester, Lydia Hirschfeld, die im Oktober 1919 Isidor Bernheim aus Hechingen geheiratet hatte. Ihre Schwester und ihr Schwager wurden am 1.Dezember 1941 nach Riga deportiert. Deren Tochter Marianne Paula (1926 geboren) wurde im August 1942 von Holland nach Ausschwitz deportiert. Ihr Sohn Manfred Bernheim verließ bereits am 7. März 1939 Deutschland, er arbeitete in England und wanderte 1948 nach Palästina aus. Aber ihr Tod rüttelt uns auf. Gestorben ist sie am 4. Juli 1941 in ihrer Wohnung in der Leonberger Strasse 18. Als Todesursache wurde Schlafmittelvergiftung und Herzmuskelschwäche vermerkt. Letztendlich wissen wir die Ursache für ihren Freitod nicht. Allerdings kann die damals schon als ausweglos zu bezeichnende Situation Ida Hirschfeld in den Tod getrieben haben. Wenn sie diesen Schritt nicht vollzogen hätte, wäre sie wahrscheinlich deportiert worden. Sie hinterließ ein Sparguthaben von über 16.000 RM, das ihre Schwester Lydia Bernheim erbte. Deren Sohn, der sich seit seiner Emigration in einen Kibbuz nach Israel Manef Biran nannte, strengte in den 1950 er Jahren im Rahmen eines „Wiedergutmachungsverfahrens“ eine finanzielle Entschädigung an. Das Verfahren zog sich bis August 1963 hin und endete mit einer Zahlung von 59,53 DM. Inge Mugler